Ich bin auf dem Gipfel gestanden ... ich hab's gepackt :-)) ich kann's selbst noch nicht glauben, dass ich auf 5.897 Meter ü. d. M. gestanden bin - das harte Training und die vielen Akklimatisierungstouren während meiner Zeit in Ecuador haben sich also bezahlt gemacht !!! Obwohl meine Eindrücke unbeschreiblich sind und ich jede Menge neue wertvolle Erfahrungen sammeln konnte, war diese Gipfel-Besteigung jedoch mit Abstand die abenteuerlichste und anstrengendste Bergtour, die ich je erlebt hatte. Die Tour ging am 5. Juli 2003 um 9:30 Uhr morgens in Quito los. Nachdem wir unsere Ausrüstung abgeholt und überprüft hatten, wurden wir in einem Kleinbus in den naheliegenden Cotopaxi-Nationalpark gefahren. Wir waren eine Gruppe von 15 Personen (v. a. gringos) einschließlich fünf Bergführern. Im Nationalpark führte uns ein staubiger Holperweg entlang eines ausgetrockneten Lavabeckens bis auf ein topfebenes páramo-Plateau auf knapp 4.000 Meter. Als wir auf der Hochebene ankamen, sahen wir vor uns den riesigen Schneekegel des Cotopaxi und an dessen Fuße das unscheinbare refugio (Schutzhütte), dass heute unser erstes Etappenziel war. An dieser Stelle möchte ich auch noch einige Fakten über den Cotopaxi los werden. Der Cotopaxi ist mit 5.897 Meter der höchste freistehende aktive Vulkan der Erde und aus dem Quechua (Indiosprache in Ecuador) übersetzt, bedeutet das teils unterschiedlich interpretierte Wort etwa "Sanfter Nacken des Mondes".

Aus 4.000 Meter Höhe startete unser erster mühseliger Aufstieg mit voller Montur über einen vegetationslosen Aschen- und Geröllhang bis auf 4.800 Meter, wo auch die Schutzhütte José F. Ribas lag. Während dieses Aufstiegs liefen uns zufällig Wildpferde über den Weg, die man mit ein bisschen Glück in diesen Höhenlagen antreffen kann. Weniger Glück hatten wir jedoch bei der Ausschau nach einem Kondor, dem Wappentier Ecuadors. Unsere Gruppe war zu diesem Zeitpunkt sehr motiviert, obwohl uns der eisig kalte Wind samt Vulkanstaub nur so um die Ohren zischte und uns beim Gehen hinderte!!! So gegen 16:00 Uhr kamen wir schließlich auf der Schutzhütte an, ich fühlte mich noch topfit, abgesehen von leichten Kopfschmerzen im Hinterkopf, die ich jedoch schnell mit einer Aspirin stillen konnte. Nach einer kurzen Pause zogen wir dann unsere komplette Ausrüstung an und machten uns auf den Weg zum nächsten Gletscher, um dort verschiedene Übungen zu machen. Die Bergführer demonstrierten uns das Aufwärts- sowie Abwärtsgehen mit Steigeisen, den richtigen Gebrauch des Eispickels oder auch das Anlegen einer Sitzschleife etc., dies war ziemlich witzig, da diese Übungen nicht so einfach waren, wie sie sich anfangs anhörten. Anschließend bildeten unsere Bergführer die Gruppen für die Nacht bzw. Seilschaften wie man im Fachjargon sagt, was bedeutete, dass sich jeweils zwei Personen mit einem Bergführer zusammenschlossen und folglich wir dann fünf Seilschaften beim Aufstieg in der Nacht waren. Leider kam ich nicht wie geplant mit meinem Kollegen Peter zusammen, da unsere Bergführer die Seilschaften nach ihren Eindrücken während des ersten Aufstiegs gebildet hatten. Wenn möglich sollten die Seilschaften aus "gleichstarken" Partnern bestehen, da eine Seilschaft natürlich nur so stark ist wie ihr schwächtes Glied. Mein Gefährte war Nathan aus Boston, er machte anfangs einen sehr ruhigen Eindruck, aber nachdem bekannt wurde, dass wir in derselben Seilschaft laufen würden, ist er plötzlich viel gesprächiger geworden. Wir liefen den ersten Aufstieg zusammen, er gab ein ziemlich schnelles Marschtempo vor, ich dachte mir, wenn er dieses Tempo auch beim Aufstieg in der Nacht beibehalten möchte, dann muss ich mich wohl ganz schön zügeln werden müssen um mithalten zu können. Jedenfalls waren wir beide motiviert und wir hatten ein gemeinsames Ziel; bis auf den Gipfel dieses Bergs zu klettern. Unser Bergführer hieß Fabrizio, der ein waschechter Ekuadorianer war. Er bestieg den Cotopaxi schon 38mal und erzählte uns, dass er letztes Jahr auf dem Mont Blanc sowie auch schon auf dem höchsten Berg Südamerikas war, dem Aconcagua (6.959 m) in den argentinischen Anden. Somit waren wir also in guten Händen. Beim Aufstieg war ich das letzte Glied an unserem Seil, Nathan in der Mitte und Fabrizio vorne, beim Abstieg wechselten wir die Reihefolge.

Als wir mit den Übungen fertig waren, gingen wir wieder zurück zur Schutzhütte. Ich bekam wieder Kopfschmerzen und nahm nochmals eine Aspirin ein, jedoch zeigte sie dieses Mal keine Wirkung. Im Laufe des Abends erfuhr ich dann, dass mehrere Personen in unserer Gruppe Kopfweh hatten. Daraufhin fragte ich Fabrizio nach Rat, da ich ein wenig besorgt war, da wir ja "erst" auf 4.800 Meter waren und ich schon mittelstarke Kopfschmerzen hatte. Er riet mir von weiteren Tabletten ab, da ich sonst unter Umständen auch noch Probleme mit meinem Magen bekommen könnte und empfiehl mir lieber mehr zu trinken. Es gibt da eine "goldene Bergsteiger-Regel", die besagt, dass für jede tausend Höhenmeter ein Liter Wasser getrunken werden sollte, das hätte dann in unserem Fall etwa sechs Liter Wasser bedeutet, die man natürlich nicht auf einmal, sondern verteilt über ein bis zwei Tage vor der Bergbesteigung trinken sollte. Am selben Abend trank ich dann noch zwei Liter Wasser um mein Flüssigkeitsdefizit wieder auszugleichen, jedoch blieb das Kopfweh!!! Unser Absteigequartier war eine heruntergekommene Berghütte, die nur mit einem Matratzenlager und einer Holzbank ausgestattet war und je nach dem ob der Generator lief oder treffender gesagt mal wieder funktionierte auch Licht hatte, natürlich ganz abgesehen von einer Heizung oder ähnlichem!!! Gegen 18:00 Uhr gab es dann das Abendessen, eine "leckere" Reissuppe und Nudeln mit einer schleimigen Zwiebelsoße sowie einer Tasse heißen Tee.

Beim Abendessen erzählte uns Fabrizio einige interessante Schauergeschichten über den Cotopaxi, was quasi der theoretische Teil unserer Bergtour war. Während einer Schlacht zwischen den Spaniern und den Inkas im Jahr 1534 kam es zu einer gewaltigen Eruption, woraufhin die Inkas sowie die Spanier inmitten des Kampfes die Flucht ergriffen. Die Inkas flohen, da sie diesen Ausbruch für einen gewaltigen Götterschlag hielten, und die Spanier, weil sie noch nie zuvor ein so fürchterliches Naturschauspiel erlebt hatten. Nach diesem Ausbruch verfiel der Cotopaxi in einen 200-jährigen Dauerschlaf, der bis Mitte des 17. Jahrhunderts anhielt. Im Jahr 1877 gab es dann gleich vier Ausbrüche in Folge, wobei der 26. Juni 1877, der auch das "Höllenspektakel" genannt wird, der heftigste Ausbruch aller Zeiten darstellte. An diesem Tag flossen Lavaströme über alle Seiten des Kegels, die auf dem Weg ins Tal Schlamm- und Geröllawinen mit sich rissen und innerhalb von 18 Stunden den Pazifischen Ozean erreichten ... solch ein Naturschauspiel kann man sich heute kaum noch vorstellen :-o Die Lawaströme erreichten die am Cotopaxi angrenzende Provinzstadt Latagunca innerhalb von 30 Minuten, die somit schon zum dritten Mal in ihrer Geschichte dem Erdboden gleich gemacht wurde. Die Hauptstadt Quito wurde in weniger als drei Stunden von den Lavaströmen erfasst. Einige Tage darauf fiel ein dunkler Ascheregen über weite Teile des Hochlands, der bis hin zur weit entfernten Küstenstadt Guayaquil am Pazifik reichte. Die letzte Eruption war vor circa 100 Jahren (1904) und seitdem liegt der Cotopaxi wieder in einem Dauerschlaf, obwohl im Jahr 1975 ein besorgniserregendes Aufwärmen des Kraters festgestellt wurde, es aber zu keinem Ausbruch kam. Naja, das war doch mal eine nette Gutenachtgeschichte :-)

Nachdem Abendessen hielten die Bergführer ein Briefing zum konkreten Ablauf der Bergtour und gaben uns den Zeitplan bekannt; um 23:30 Uhr aufstehen und um 0:30 Uhr Abmarsch. Um 19:30 Uhr war dann Zapfenstreich angesagt und ich kroch sofort in meinen warmen Schlafsack. Ich war sehr unruhig und konnte kaum einschlafen, entweder hingen mir die Schweißperlen an der Stirn, oder ich fror wie ein Eskimo, und zudem hatte ich immer noch ständig Kopfschmerzen. Wartend starrte ich die Zimmerdecke an und hoffte, dass es bald Mitternacht war und die Tour dann endlich los gehen würde. Meinen Kollegen ging es nicht besser, da eine ständige Unruhe im Raum war. Pünktlich um 23:30 Uhr sind wir mit der erfreulichen Nachricht geweckt worden, dass das Wetter bestens sei und die Tour beginnen kann ... ich war überglücklich, da bei schlechtem Wetter die Tour sonst abgebrochen worden wäre. Plötzlich herrschte eine hektische Aufbruchstimmung, wir halfen uns gegenseitig unsere Ausrüstung anzulegen, wahre Teamarbeit, und ich bemerkte, dass jeder von uns ein wenig Herzklopfen hatte. Wie damals bei der Bundeswehr klebte ich mir meine Fersen mit Tape ab, um gegen Blasen vorzubeugen. Gemäss dem Zeitplan gab es noch vor dem Abmarsch ein leichtes Frühstück, ein Müsli mit Joghurt sowie ein kleines Lunch-Paket für unterwegs. Vor lauter Nervosität hatte ich den Hunger verloren, aber trotz Appetitlosigkeit aß ich eine halbe Schüssel Müsli.

Wie geplant begann unsere Gipfeltour um halb eins.
Die erste Stunde kletterten wir einen steilen Aschenhang bis zur Gletscherzunge hinauf, die auf 5.200 Meter lag. Es war eisig kalt und der Wind zischte mir um die Ohren. Außerdem erinnere ich mich, dass der Himmel sternenklar war und für europäische Verhältnisse ein ungewohntes Sternenbild aufzeigte. Aber natürlich hatte ich alles andere im Sinn als Sterne zu beobachten :-) Mir fiel auf, dass in der eiskalten und dunklen Bergwelt, der Himmel noch schwärzer schien als sonst, und dies obwohl der Mond ein wenig Licht in der Dunkelheit spendete. In der weiten Ferne schmiegten sich die Lichter Quitos harmonisch in ein gewundenes Tal ein, ich genoss diese herrliche Aussicht auf das weit entfernte Lichtermeer!!! Im Laufe der Zeit gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit, trotz allem konnte ich nicht erkennen wo ich mich befand, da meine Stirnlampe gerade gut genug war um einen Meter vor mir auszuleuchten. Zu jener Zeit fühlte ich mich ein wenig energielos und hatte außerdem das Gefühl, dass meine Ausrüstung zwar richtig saß aber nicht bequem war. Wie gesagt, kamen wir dann nach einer Stunde an der Gletscherzunge an, und nun stellte sich uns die erste Herausforderung, wir mussten eine sechs Meter hohe Eiswand überwinden, die laut unseren Bergführern die gefährlichste Etappe der Bergtour darstellte. Ich legte mir die Steigeisen an und schloss mich meiner Seilschaft an. Ich wünschte Peter viel Glück, da von hier an jede Seilschaft eigenständig fortging. Leider gab es hier schon den ersten Abbruch einer Amerikanerin, die sich nicht wohl fühlte und von einem Bergführer ins refugio zurück begleitet wurde.

Fabrizio stieg zuerst die Eiswand hinauf, um das Seil zu sichern. Als das Seil gesichert war, legte Nathan los, der einmal abrutschte und am Seil pendelte. Dabei mussten wir ständig darauf achten, dass das Seil gespannt war und nirgendwo einhacken konnte und wir nicht mit unseren Steigeisen auf dem Seil standen. Jetzt war ich an der Reihe, ich rutschte anfangs sofort mit meinem rechten Fuß in eine Spalte, aus der ich mich wieder mit meinem Eispickel heraushebeln konnte. Ich hasste, dass man nicht sah wohin man trat, und somit jeder Schritt ein Tritt ins Unbekannte wurde. Na ja, aber abgesehen von diesem unglücklichen Zwischenfall bin ich für das erste Mal eigentlich recht gut hinauf geklettert. Als diese Etappe endlich geschafft war, ging es wieder mit voller Ehrgeiz weiter und dieses "kleine" Erfolgserlebnis verhalf mir sogar wieder zur nötigen Energie, die mir vorher fehlte. Unsere Tour führte uns jetzt drei Stunden lang über ein steil ansteigendes Gletscherfeld, wobei wir einige Male Gletscherspalten ausweichen mussten. Ab und zu überquerten wir auch schmale und nicht gerade sehr vertrauenswürdig aussehende Schneebrücken. Ich dachte mir, nur gut das es beim Aufstieg dunkel war und ich die tiefen Schluchten und Gletscherspalten nicht sehen konnte, denn als wir beim Abstieg wahrnahmen, worüber wir alles gestiefelt sind und welch "stabilen" Schneebrücken wir überquert hatten, war es mir ehrlich gesagt nicht mehr so wohl!!! Der Höhepunkt an Abenteuer und Nervenkitzel war dann, als wir über zwei Gletscherspalten springen mussten, weil die Schneebrücken eingebrochen waren. Ich zitiere Fabrizio: "Nimm drei Meter Anlauf und schau nicht runter ... wir sichern dich". Trotz dieser Stunt-Einlagen waren wir an diesem Abschnitt noch ziemlich schnell vorangekommen und überholten eine andere Seilschaft. Und da wir sehr gut in der Zeit lagen, gewährte uns Fabrizio alle 45 Minuten eine längere Pause. Jedoch fühlte ich langsam, wie die Kälte durch meine Stiefel und Handschuhe kroch ... es wurde mir immer kälter. Fabrizio gab uns in jeder Pause einen warmen Tee, der uns wieder zu Kräften bringen sollte. Der Kälte wegen machte ich die ganze Nacht über nur ein einziges Foto, ich hatte keine Lust mir die Handschuhe auszuziehen und die eisige Kamera in die Hand zu nehmen, außerdem hatten sich die Akkus entladen, aber zum Glück hatte ich noch Ersatzakkus in meiner warmen Hosentasche.

Auf dem weiteren Weg erklärte uns Fabrizio, dass er eine andere Route suchen müsse, plaqua ... muy peligroso, da vor uns ein großes Schneebrett lag, das nicht gerade ungefährlich sei. Ja, dieses Phänomen hörte ich schon von anderen Bergsteigern, daher mussten wir einen "kleinen" Umweg in Kauf nehmen. Stundenlang schlug ich den Pickel ins Eis und zog mich zwei Schritte hinauf, immer wieder dieselbe monotone Bewegung, die mein Arm bei jeder Vorwärtsbewegung schwerer werden ließ und ich nach einiger Zeit kein Gefühl mehr darin hatte. Gegen 5:00 Uhr morgens hatten wir endlich das lange Gletscherfeld überquert und erreichten den breiten Rücken des Cotopaxi, der unterhalb der 120 Meter hohen schneefreien Yanasacha-Wand auf etwa 5.600 Meter lag. Dort machten wir zusammen mit einer anderen Seilschaft eine Pause und beobachteten gemeinsam den Sonnenaufgang am fernen Horizont, was ein unvergesslicher Anblick war. In der Ferne sah man bereits die Spitzen der anderen Vulkane aus den Wolken ragen. Trotz dieses wunderschönen Anblicks ging es mir nicht sonderlich gut, ich fror am ganzen Körper und fühlte mich krank. Meine großen Zehen konnte ich schon seit längerer Zeit nicht mehr fühlen, das Kopfweh wurde auch immer stärker und außerdem fühlte ich eine leichte Übelkeit ... meinem Gefährten Nathan ging es scheinbar auch nicht viel besser, er gab schon seit mehreren Stunden kein Wort mehr von sich und auf die Anweisungen von Fabrizio reagierte er nur noch schleppend, entweder genoss er die Situation ruhig oder ihm ging es schlecht? Unsere nachlassende Motivation fiel auch Fabrizio auf, der uns dann immer wieder versuchte mit guten Worten und viel Tee zu motivieren. Obwohl wir "nur" noch etwa zwei Stunden vom Gipfel entfernt waren, wurde uns gesagt, dass die letzte Etappe auf den Gipfel zu den mühsamsten der ganzen Tour zählen solle.

Dann starteten wir zum Endspurt, wir umgingen die Yanasacha-Wand und kletterten mehr oder weniger geradlinig bis auf den steilen Grat hinauf, welcher direkt auf den Gipfel führte. Dieses letzte Stück war ein wahrer Leidenskampf für mich, an dieser Stelle gab eine andere Seilschaft leidend auf und kehrte um. Ich gab alles was in mir steckte obwohl mir kotzübel war. Ich wollte mich übergeben und in diesem Moment dachte ich auch wirklich ans umkehren, aber eine innere Stimme sagte mir, dass ich nicht aufgeben dürfe. Ich war erschöpft und meine Körperbewegungen wurden immer langsamer, aber trotz allem arbeitete ich mich in mühevoller Kleinarbeit bis zum oberen Gletscher durch. Unterhalb des Gipfels kamen wir dann beinahe nicht mehr vorwärts, da wir nach jedem fünften Schritt eine Pause zum Atmen brauchten. Uns wurde gesagt, dass ab einer Höhe von 5.000 Metern der menschliche Körper mit jedem Atemzug nur noch 50% Sauerstoff aufnimmt und daher das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird, so lässt sich auch das Kopfweh erklären, dass ich leider immer noch hatte. Trotz dieser Mühe und Belastung gingen wir immer weiter und mit jedem neuen Schritt sackten wir erneut bis unter die Knie ein, was bei dieser Steilheit eine unglaubliche Anstrengung war und deswegen kam es uns auch so vor als ob wir für nur wenige Meter eine halbe Ewigkeit brauchten. Kurz bevor wir den Gipfel erreichten, mussten wir noch eine drei Meter hohe Eiswand überwinden, bei dieser ich mich bis aufs äußerste konzentrieren musste, denn ein einziger Fehltritt hätte eine längere Rutschparty zur Folge gehabt. Ich frage mich heute noch, wie ich damals in meinem Zustand diese Eiswand bewältigen konnte. Als wir zum letzten Stück ansetzten, war es bereits hell geworden und die Sonne brennte vom Himmel.

Nach fast sechs Stunden nur bergauf, waren wir genau um 6:52 Uhr morgens als erste Seilschaft auf dem Gipfel des Cotopaxi angekommen!!! Ich war überglücklich über diesen erfreulichen Ausgang der Tour ... ich stand auf fast 6.000 Meter und es war als man über den Wolken fliegen würde. Die Luft war dünn und trotz der Kälte fühlte ich mich plötzlich wieder fit. Fabrizio klopfte uns auf die Schultern und gratulierte uns für das erfolgreiche Abschneiden! Ich freute mich über den fantastischen Panoramablick auf die naheliegenden Bergen, so dass ich sofort meine Kamera auspackte und mit dem knipsen begann. Aus dem schneefreien Krater stieg ein wenig Schwefel auf und am Horizont erhoben sich über dem Wolkenmeer das Bergmassiv des Chimborazo und der Illiniza-Vulkane. Ich bewunderte die Gletscherzungen, die sich bis tief in die Täler hinunter zogen, wo sie sich dann in bizarre Formen auflösten, ich liebte diesen Anblick. Als ich dann auf dem Gipfel saß, packte ich mein Lunch-Paket aus, meine Freude war jedoch kurz, da mein Getränk ein einziger Eisklumpen war und ich die Schokolade nicht mehr beißen konnte. Nach einer halben Stunde erreichte eine weitere Seilschaft den Gipfel ... Peter war dabei ... als ich ihn beglückwünschen wollte, fing er an in den schönen weißen Schnee zu "kotzen" (Sorry, für diesen unpassenden Ausdruck), und anstatt wir ihn bedauert hätten, fingen wir an zu lachen (!?!), da er trotz seiner schlechten Verfassung immer wieder folgende Worte von sich gab: "I made it, I made it, I made it".

Nach diesem unvergesslichen Augenblick on the top ging es wieder bergab, obwohl ich es noch länger auf dem Gipfel ausgehalten hätte :-) Fabrizio drängte jedoch wieder nach unten, denn je früher morgens man sich auf den Rückweg begibt desto sicherer soll der Abstieg sein. Unter keinen Umständen sollte der Abstieg unterschätzt werden, da sich gerade in dieser Phase die meisten Unfälle ereignen. Erfahrungsgemäss wird im Laufe des Vormittags der Schnee so weich, dass das Gehen sehr anstrengend oder sogar unmöglich wird. Außerdem ist am frühen Morgen noch die Festigkeit der Schneebrücken garantiert und die Lawinengefahr am geringsten. Der Abstieg war für mich wieder ein richtiger Leidensweg, da ich total erschöpft und unkonzentriert war, daher lösten sich auch gleich zweimal meine Steigeisen und ich stürzte auf einer harten Eisfläche... sonst gab es aber keine weiteren nennenswerten Zwischenfälle. Das Wetter war sehr schön, die Sonne brannte vom Himmel und ich holte mir einen leichten Sonnenbrand auf der Nase. Der Abstieg dauerte circa drei Stunden, so dass wir kurz vor 11:00 Uhr auf der Schutzhütte ankamen. Anschließend mussten wir wieder auf 4.000 Meter absteigen, wo wir auch von unserem Bus abgeholt wurden. Als wir am Bus ankamen, war ich stehend k.o., und ich freute mich nur noch auf mein warmes Bett in Quito! Ich war begeistert von diesem einmaligen Erlebnis, ich hatte niemals zuvor eine solch schöne Gletscherlandschaft gesehen, dennoch werde ich nicht mehr so bald einen Berg besteigen, jetzt geht es nämlich an die Küste zum Relaxen ;-)


Siehe auch > Cotopaxi - Fotos

COTOPAXI - GIPFELBESTEIGUNG

Bericht von Kai Single - 13.07.2003